Geheimrat Prof. Wilhelm Wetekamp (1859-1945) - der Politiker

von Peter Hoffmann, NABU-OG Lippstadt

Es liegt was in der Luft...

Ausschnitt Wetekamp-Rede 30.3.1898
"Aber die Ausdehnung der Bodenkultur bedarf, glaube ich, einer gewissen Einschränkung. Wir dürfen sie nicht so weit kommen lassen, daß die Natur vollständig vernichtet wird ... "

"Tatsächlich lag Naturschutz als neues Phänomen um 1900 gleichsam in der Luft. Seit den 1870ern entstanden Tier- und Naturschutzvereine. 1875 gründete sich der Deutsche Verein zum Schutze der Vogelwelt. 1899 konstituierte sich unter dem Vorsitz von Lina Hähnle der Bund für Vogelschutz, aus dem der heutige NABU hervorging. 1902 entstand in München der Isartalverein, 1904 der Bund Heimatschutz und 1909 fanden sich Befürworter eines großflächigen Naturschutzes im Verein Naturschutzpark zusammen. Vor dem Hintergrund dieses zivilgesellschaftlichen Drucks musste sich der Staat dem neu entstandenen Politikfeld Naturschutz zuwenden. Da Naturschutz nach dem damaligen Verständnis zur kulturellen Sphäre zählte, und dieser Bereich Ländersache war, nahmen sich die Bundesstaaten des Kaiserreiches des Gegenstandes an. In Preußen als mit Abstand größtem deutschen Land gelang 1906 mit der Gründung der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege der entscheidende Durchbruch."

(aus: Rückenwind aus dem Parlament, Ein Blick in die Naturschutz-Geschichte von Hans-Werner Frohn, erschienen in Naturschutz heute Heft 1, 2008)
100 Jahre staatlicher Naturschutz: Der Anstoß 1898
Im Jahre 2006 feierte die Bundesregierung dieses Jubiläum mit einem Festakt und einer Reihe von Publikationen. Anlass war die Gründung der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege im Jahre 1906. Sie war das Ergebnis eines langen Prozesses, bei dem der Staat seine Verantwortung für den Erhalt von Landschaft und Natur nicht mehr leugnen konnte. Diese Institution gilt als Vorläufer für das 1993 gegründete Bundesamt für Naturschutz. Diese Entwicklung nahm mit einer sprichwörtlich bahnbrechenden Rede des Abgeordneten Wilhelm Wetekamp vor dem Preußischen Abgeordnetenhaus seinen Anfang: Rückblick, 30.März 1898:
Wilhelm Wetekamp, Mitglied der Freisinnigen Volkspartei setzte mit seiner eindringliche Rede im Preußischen Abgeordnetenhaus eine Debatte in Gang, die zur Einrichtung der ersten staatlichen Naturschutzbehörde führte. Die Versammlung war mit der dritten und letzten Lesung des Staatshaushaltsetats befasst, als Wetekamp ein neues Thema in die Debatte bringt. Er macht auf die dringende Notwendigkeit einer Naturschutzgesetz-gebung aufmerksam und belegt dies durch den wachsenden Artenrückgang. Die ersten Reaktionen darauf: Regierungskommissar Kuegler findet es...zweifelhaft, ob das so recht zu den Aufgaben des Kultusministeriums gehört, und hält es für etwas hartherzig, daß der Herr Abgeordnete in der dritten Berathung (-) noch eine so schwere Aufgabe stellt. Der Abgeordnete Szmula ist der Ansicht, das die Haiden und Moore und alle übrigen hier genannten einzigartigen Naturtypen bestehen zu lassen, (-) auch nicht möglich sein (wird), weil wir darauf angewiesen sind, von Wald und Boden Nutzen zu ziehen (-) weil durch den Bau von Eisenbahnen und Chausseen (-) der Grund und Boden täglich weniger (-) werde, und nicht mehr...! [Protokoll der Rede]
Geheimrat Prof. Dr. Wilhelm Wetekamp aus Lippstadt
Geheimrat Prof. Dr. Wilhelm Wetekamp aus Lippstadt
70ster Geburtstag: Erinnerungen
(Lippstädter Tageblatt "Der Patriot")
Bewusstseinsveränderung Verunstaltungsgesetz
(-) In seinen persönlichen Erinnerungen („Heimatschutz in Brandenburg“ 1919, Nr.2) schreibt Museumsdirektor H. Conwenz:
Auf diese Anregung, die eine freundliche Aufnahme im Parlament fand, hat Ministerialdirektor Althoff seine wohlwollende Unterstützung zugesagt, und auf seine Veranlassung war am 13. Dezember 1898 in den Räumen des Kultusministeriums zwischen den Vertretern der einschlägigen Ressorts eine Besprechung veranstaltet worden, bei der Wetekamp das einleitende Referat zu halten hatte. Auf Beschluss dieser Versammlung sollte eine Anzahl von wissenschaftlichen Vereinen Universitätslehrern und Schulmännern zur Aeußerung über die Notwendigkeit der Erhaltung von Naturdenkmälern und der staatlichen Unterstützung dieser Bestrebungen aufgefordert werden. Als dann 1906 die staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen eingerichtet worden war, bildete sich in der Mark Brandenburg eine Provinzialkommission für Naturdenkmalpflege unter dem Vorsitz des Oberpräsidenten, und Wetekamp, der inzwischen als Direktor des Werner-Siemens-Realgymnasiums seinen Wohnsitz in Berlin-Schöneberg genommen hatte, wurde zu ihrem leitenden Geschäftsführer gewählt. (-)
Der Naturschutzgedanke war zu dieser Zeit in der Bevölkerung bereits tief verankert. Das Bewusstsein um eine immer weiter um sich greifende Landschaftszerstörung durch wachsende Industrie und immer technisiertere Landwirtschaft - und damit auch der politische Druck - wuchs. So fiel Wetekamps Rede im Reichstag auf fruchtbaren Boden. Auch der Grundstein des heutigen NABU, der Bund für Vogelschutz - BfV, wurde 1899 durch Lina Hähnle (Vorsitzende bis 1938) gegründet.

Nach 1900 kam es zu den ersten gesetzlichen Regelungen zum Landschaftsschutz:

(-) Parallel zum erfolgreichen Kampf um den Erhalt der Wälder um Berlin gelang es in dieser Zeit auch, die ersten Seeufer vor Bebauung zu schützen (Abb. 3). In Preußen begann um 1900 eine Diskussion über den Schutz nationaler Baudenkmäler. Ein seit 1901 laufendes Vorhaben für ein Denkmalschutzgesetz verlagerte seinen Schwerpunkt aber mehr und mehr auf die Sicherung historischer Bauensembles.Das 1907 erlassene Verunstaltungsgesetz war jedoch nicht nur auf den Schutz von Ortsbildern gerichtet, sondern bot im § 8 auch die Möglichkeit, Bauvorhaben außerhalb von Ortschaften zu untersagen.
Auf Grundlage des Verunstaltungsgesetz sowie des bereits 1902 verabschiedeten Gesetzes gegen Reklameschilder erließen die Regierungspräsidenten von Potsdam und Frankfurt/Oder zwischen 1909 und 1914 46 Schutzverordnungen. Diese entsprangen zwar landschaftsästhetischen Zielsetzungen - das Landschaftsbild sollte vor Veränderungen bewahrt werden. Damit wurden jedoch erstmals zahlreiche Ufer von Flüssen und Seen für Erholungszwecke gesichert. (-)

[Regine Auster: Schutz den Wäldern und Seen! Die Anfänge des sozialpolitischen Naturschutzes in Berlin und Brandenburg in: Naturschutz und Demokratie!?. CGL-Studies, Band 3]
Faksimile 1. Seite des Protokolls: 59. Sitzung, 30.März 1898
NABU:  Wetekamp Protokoll Rede 30.3.1898

Protokoll vollständig
Faksimile

(Quelle: Staatsarchiv
Ergänzungen: J. Rommerskirchen MdB. / P.Hoffmann)

Aus dem Bundesnaturschutzgesetz:
" Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlagen des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten und unbesiedelten Bereich so zu schützen, zu pflegen, zu entwickeln und, soweit erforderlich, wiederherzustellen, dass 1. die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts, 2. die Regenerationsfähigkeit und nachhaltige Nutzungsfähigkeit der Naturgüter, 3. die Tier- und Pflanzenwelt einschließlich ihrer Lebensstätten und Lebensräume sowie 4. die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft auf Dauer gesichert sind."

(Ausfertigungsdatum: 25. März 2002 Verkündungsfundstelle: BGBl I 2002, 1193 Sachgebiet: FNA 791-8, GESTA N011 Stand: Stand: Geändert durch Art. 167 V v. 25.11.2003 I 2304) Mit diesen Aussagen beginnt das Bundesnaturschutzgesetz in der aktuellen Fassung.)
Jürgen Trittin als Bundesumweltminister (2002): vollständige Rede
Zur Eröffnung Eröffnung des Kongresses Naturschutz und Nationalsozialismus in Berlin (Umweltforum) am 4.Juli.2002 setzte sich der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin kritisch mit der Rolle des Reichsnaturschutzgesetzes auseinander. Zur Frage nach den Ursprüngen des Naturschutzes sagte er: "... Woher kommt der Naturschutz? Was sind seine Wurzeln? Ideengeschichtlich betrachtet war der Naturschutz ein Kind der Romantik. Mehr oder weniger stark ausgeprägte Naturliebe bis hin zur Naturschwärmerei war sein Markenzeichen. Und ohne einen emotionalen Bezug zur Natur kommen wir auch heute - selbstverständlich - nicht aus. Die in Deutschland rasanter als anderswo in Europa und besonders expansiv verlaufende Industrialisierung durch das aufstrebende Wirtschaftsbürgertum hatte gleichzeitig viele Bürger überfordert und verunsichert. Sie konnten innerhalb einer halben Generation die tiefgreifenden Umwälzungen der gewohnten Umgebung nicht begreifen. Man kann sich sehr wohl eine gewisse Orientierungslosigkeit vorstellen, die Technikfeindlichkeit, Großstadtfeindlichkeit aber auch Naturliebe bis hin zur Naturschwärmerei förderte. Nicht umsonst sangen die Jugendbewegten und Wandervögel Anfang des 20. Jahrhunderts "Aus grauer Städte Mauern zieh'n wir ins Land hinaus..."