Der Politiker Der Naturschützer Der Pädagoge Biographie

Wie Geheimrat Wilhelm Wetekamp in Lippstadt wiederentdeckt wurde.     von Peter Hoffmann, NABU-OG Lippstadt

 

Im Mai 1995 begann in Lippstadt mit einem Aktionstag Gewässerschutz der Start des Lippeauenprogramms - und damit die
Renaturierung der Lippe.

Dr. Gerhard Laukötter, 1995 in Lippstadt

Dr. Gerhard Laukötter und Horst Frese von der Natur- und Umweltschutzakademie NRW (NUA), hatten im historischen Rathaussaal aufwendige Technik installiert. Mit Kamera, Mikroskop und einem unförmigen Beamer stellten sie Kleinlebewesen aus der Lippe vor. Der NABU war mit einem Info-Stand vertreten. Thema: Damit der Fluss die Kurve kriegt...  

Bei einer Vorbesprechung zum Aktionstag sprach mich Horst Frese an: 

Wissen Sie eigentlich, dass ein Sohn Lippstadt's einer der Urväter des Naturschutzes in Deutschland ist ?

Wir waren einigermaßen verblüfft, denn Vertreter eines örtlichen Naturschutzverbandes sollten so etwas eigentlich wissen...

Gemeint war Professor Wetekamp. Der Name ist in Lippstadt nicht unbekannt. Die Lippstädter verbinden damit allerdings z.B. leckere Torten in einem gemütlichen Cafe in der Cappel-Straße. Auch die Urenkel, die noch in dieser Stadt leben, wussten nicht viel über die Aktivitäten des Urgroßvaters in Sachen Naturschutz.
Gewässer-Aktionstag Lippstadt 1995
Gewässer-Aktionstag in Lippstadt 1995

Es galt also, möglichst schnell über diesen Mann noch etwas in Erfahrung zu bringen. Thomas Laumeier (NABU) ging ins Stadtarchiv, und ich an Telefon und  Schreibmaschine (Internet und Email waren für uns noch unbekannt und hätten 1995 auch noch nicht viele Erkenntnisse gebracht) um Anfragen in das Land zu schicken. Freundliche Menschen gaben Auskunft, soweit sie es denn konnten und in der Kürze der Zeit fanden wir folgendes heraus:

Wilhelm Wetekamp 1859 in Lippstadt geboren.

 

 Hier besuchte er von 1868 bis 1872 die dortige Realschule 1. Ordnung (das heutige Ostendorf-Gymnasium).
Schulleiter Wilhelm Wetekamp
Nach eigenen Berichten prägten ihn der naturgeschichtlichen Unterricht bei Dr. Buddeberg und  Hermann Müller.

Wetekamp studierte nach dem Abitur an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, in Jena und in Breslau und war später Direktor einer Schule, dem Werner von Siemens-Realgymnasium.

Wo war Wetekamps Schule
Wetekamp hatte wohl auch einiges dort veröffentlicht, aber niemand wusste genau was. Anruf beim Schulsenat in Berlin: Ein Gymnasium mit diesem Namen gibt es tatsächlich, aber in Zehlendorf.
Anruf an der Schule: Wetekamp?
Ja, da war mal was, wenn einer noch mehr darüber wissen könnte, dann der Hausmeister...
Ein kurzes Gespräch mit dem Hausmeister brachte auch keine neuen Spuren und führte in eine Sackgasse, denn diese Schule war lange nach dem Krieg neu gebaut worden.

(Was wir 1995 noch nicht wussten:
Wetekamp gründete 1903 das Werner von Siemens-Realgymnasiums und leitete die Schule ab1906. Die Schule wurde 1935 von den Nationalsozialisten geschlossen und verschwand so aus der Berliner Schullandschaft.)
Am Standort und im Gebäude der damaligen Schule befindet sich heute die Georg-von-Giesch-Realschule.  
Die verschwundene Schule.....
Die verschwundene Schule, das von Wetekamp gegründete Werner-von-Siemens-Realgymnasium.
Die Schule berichtet über ihren Gründer:

Am 16.04.1903 begann mit 23 Sextanern (5. Klasse) und 22 Vorschülern der Unterricht. Im Jahre 1909 wurde von dem Leiter der Schule, Wilhelm Wetekamp, die Schülerselbstverwaltung
>Beteiligung der Schüler an der Gestaltung des Schullebens<
am WSRG als erster Schule Preußens eingeführt.


Dokumente a.d. Stadtarchiv Lippstadt:     ...Vorkämpfer für Naturschutzpflege  
Zitat In einer Ausgabe des Patriot vom 5.Sept. 1939 stand zwischen diversen Artikeln mit Überschriften wie: Fenster auf, wenn der Fliegeralarm ertönt und Wie viel Seife bekomme ich, die Zeile:

Professor Wetekamp 80 Jahre alt, Vorkämpfer für Naturschutzpflege.


Weiter hieß es dort:

Professor Wetekamp ist der erste Vertreter im Preußischen Abgeordnetenhaus der den staatlichen Naturschutz gefördert hat


Jetzt wurde es interessant:

Wilhelm Wetekamp wurde am 4. Sept. 1859 in Lippstadt geboren. Berichtet wird über seinen Schulbesuch bei Lehrer Ostendorf. Hier hat er die heimatliche Natur erkundet und an Tümpeln und Teichen Wassertiere gesammelt. Nach seinem Studium in Berlin, Breslau und Jena und einer Zeit als Lehrer wurde W. Wetekamp 1893 Landtagsabgeordneter des Stadtkreises Breslau im preußischen Abgeordnetenhaus. Hier hielt er eine Rede, die für den staatlichen Naturschutz folgenreich gewesen sein sollte. Den genauen Wortlaut kannte niemand. Aber da gab es im entfernteren Familienkreise einen älteren Herrn (genannt Opa Roki), der bis 1976 Bundestagsabgeordneter war. Bei einem Besuch konnte ich ihn für die Sache interessieren und bereits wenig später kam eine Antwort:
Josef Rommerskirchen († 9. März 2010) an der Quelle: Das Staatsarchiv in Bonn...
Im Staatsarchiv Bonn fand er für uns das Sitzungsprotokoll und für die unendliche Geduld sei ihm hier gedankt, denn Protokolle gab es da jede Menge. Mit Spannung lasen wir:
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Es war Mittwoch, 30.März 1898, 59. Sitzung, Schluss der Beratung des Staatshausaltsetats. Es geht um Zulagen für Lehrer und Oberlehrer an staatlichen und nichtstaatlichen Lehranstalten.

Zitat

Der Abgeordnete Wetekamp bekommt als dritter Redner das Wort und wechselt zum Unmut der anwesenden Parlamentarier unerwartet das Thema. Er nutzt die Gelegenheit und bringt etwas zur Sprache, was ihn wohl schon lange beschäftigt hatte. Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Teile:


Meine Herren, ich weiß dass es bei der dritten Lesung nicht gern gesehen wird, wenn noch Reden gehalten werden; aber ich denke, dass die Herren mir einige Nachsicht gewähren, wenn Ich Ihnen sage, dass (...) ich in dem Wunsch, den ich vorzubringen habe, übereinstimme mit Mitgliedern sämtlicher Parteien dieses hohen Hauses!

Wetekamp bringt nun in Erinnerung, dass sehr viel Geld ausgegeben wird für die Einrichtung und Erhaltung von Museen, in denen Tiere und Pflanzen des Auslandes vorgeführt werden, die eigene Natur aber würde man dabei aus dem Blick verlieren.

Es bestehe (...) die Gefahr, daß wir mit Riesenschritten einem Zustande ! entgegengehen, den ein bedeutender Naturforscher mit folgenden Worten characterisiert:
Der civilisirte Theil der Menschheit wird als bald mit Schaudern die Monotonie gewahr werden, welche sie nicht nur bedroht, sondern bei welcher sie theilweise schon jetzt angelangt ist. Roggen, Weizen, Hafer, Gerste, der Abwechslung zur Liebe auch umgekehrt: Gerste, Hafer, Weizen, Roggen - sehen Sie, das währe die Flora der Zukunft. Und das Thierreich? Haushühner, Truthühner, Tauben, Gänse, Enten, dann Rind, Pferd, Esel- die Übrigen als Reliquien in den Museen ausgestopft...

Im weitern Verlauf seiner Rede werden Wetekamps moderne Ansichten deutlich. Er kritisiert die zunehmende Kultivierung der naturbelassenen Flächen, wenngleich er die volkswirtschaftliche Bedeutung der landwirtschaftlichen Nutzung hervorhebt.
Staatliche Verantwortung für den Naturschutz.
„Wir dürfen (die Ausdehnung der Bodenkultur) nicht so weit kommen lassen, daß die Natur vollständig vernichtet wird. Es handelt sich nicht allein um die Pflanzendecke, denn mit dem Schwinden der Pflanzendecke ist zugleich auch ein Schwinden der Thierwelt verbunden. (...) und bezüglich der Thierwelt brauche ich bloß an einzelne große Thiere erinnern: der Auerochse ist bei uns vollständig verschwunden...!
 

Naturschutz war zu diesem Zeitpunkt eine Angelegenheit wachsender Gruppen in der Bevölkerung, die mit zunehmender Sorge die Ausbreitung von Industrie und Landwirtschaft betrachteten. Wetekamp nahm hiermit erstmals den Staat in die Verantwortung:
(...) so wird nichts übrig bleiben, gewisse Gebiete unseres Vaterlandes zu reservieren, (...) in Staatsparks umzuwandeln, allerdings nicht in Parks in dem Sinne, wie wir sie jetzt haben, d.h. einer künstlichen Nachahmung der Natur durch gärtnerische Anlagen, sondern um Gebiete, deren Hauptcharacteristicum ist, daß sie unantastbar sind.(...) Darin (ist) Nordamerika, daß uns sonst mit seinem Materialismus so gern als abschreckendes Beispiel hingestellt wird, in außerordentlich nachahmenswerter Weise vorangegangen.
Der Gedanke an die Notwendigkeit von Landschafts- und Naturschutz war in der Gesellschaft bereits verbreitet, die Zeit muss reif gewesen sein für dieses Anliegen. Daher gilt Wetekamps Rede im Wortsinn als bahnbrechend auf dem Weg zum staatlichen Naturschutz.